COSC lanciert Super-COSC: Ein neuer Teststandard, der den realen Gebrauch widerspiegelt
Erstmals seit 1976 bereitet sich die Offizielle Schweizer Chronometerprüfstelle (COSC) auf eine Erweiterung ihres Zertifizierungsrahmens vor. Das neue Protokoll – genannt Super-COSC – soll Mitte 2026 eingeführt werden und ist darauf ausgelegt, die chronometrische Prüfung näher an die realen Bedingungen heranzuführen, unter denen mechanische Uhren getragen werden. Die Ankündigung markiert eine signifikante Entwicklung in der Schweizer Chronometrie und reagiert auf die sich ändernden Erwartungen von Herstellern und Verbrauchern.
Die Grenzen der Laborprüfung
Die COSC zertifiziert seit langem Chronometerwerke gemäß ISO 3159, einem Mitte der 1970er Jahre eingeführten Standard. Das aktuelle Prüfprotokoll läuft über 15 aufeinanderfolgende Tage und bewertet ungehäuse Werke in fünf Lagen und drei Temperaturen, wobei die täglichen Gangabweichungen innerhalb von -4 bis +6 Sekunden bleiben müssen. Die Tests werden in streng kontrollierten Umgebungen durchgeführt, frei von Variablen wie Stößen, Magnetfeldern oder physischer Bewegung.
Obwohl dieser Ansatz Konsistenz bietet, spiegelt er nicht mehr die Komplexität der modernen Armbanduhrennutzung wider. Heutige Träger sind täglich Magnetfeldern, Temperaturschwankungen, Vibrationen durch Transport und Bewegung sowie inkonsistenter Handgelenksausrichtung ausgesetzt – nichts davon wird in den bestehenden COSC-Tests berücksichtigt.
In den letzten Jahren hat diese Lücke dazu geführt, dass mehrere Hersteller eigene interne Prüfrahmen eingeführt haben. Insbesondere der METAS-zertifizierte Master Chronometer Standard von Omega umfasst eine Beständigkeit von 15.000 Gauss, die Prüfung von kompletten Uhren und Leistungsprüfungen unter verschiedenen realen Bedingungen. Rolex' Superlative Chronometer und Grand Seikos interner Standard folgen ähnlichen Philosophien, mit breiteren Prüfbereichen jenseits der ISO-Benchmarks.
Was Super-COSC testen wird
Super-COSC ist als ergänzende Zertifizierung positioniert, nicht als Ersatz für ISO 3159. Um sich zu qualifizieren, müssen Werke zunächst die Standard-COSC-Tests bestehen. Erst dann können sie zur Super-COSC-Bewertungsphase übergehen, die den Fokus von einzelnen Werken auf komplette, montierte Uhren verlagert.
Gemäß öffentlich bestätigten Details wird Super-COSC die folgenden Testkategorien umfassen:
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Semi-dynamische und dynamische Tests: Simulation regelmäßiger Handgelenksbewegungen in verschiedenen Positionen, um die Gangstabilität unter kinetischen Bedingungen zu bewerten.
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Magnetfeldresistenz: moderate Feldbelastung, die alltäglichen Quellen wie Smartphone-Lautsprechern, Laptop-Abdeckungen und Handtaschenverschlüssen entspricht (typischerweise 60–200 Gauss).
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Gangreservevalidierung: Überprüfung, ob die Uhr ihre angegebene Autonomie (z. B. 60, 70 oder 80 Stunden) unter realistischer Nutzung liefert, anstatt unter statischen Bedingungen.
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Reaktion auf Temperaturschwankungen: Bestätigung, dass die Uhr innerhalb akzeptabler Abweichungsmargen bleibt, wenn sie zwischen Umgebungen wie klimatisierten Büros und sommerlicher Hitze im Freien wechselt.
In diesem Stadium wird Super-COSC keine Wasserdichtigkeitsprüfung umfassen, die weiterhin in der Verantwortung der Hersteller gemäß ISO 22810 oder ISO 6425 für Taucheruhren liegt. Ebenso wird es keine extremen oder stoßintensiven Bedingungen simulieren, die mit sportlicher Nutzung oder MRT-Umgebungen vergleichbar sind.
Eine Reaktion auf branchenweiten Druck
Der Schritt hin zu realitätsnahen Tests spiegelt breitere Verschiebungen in der mechanischen Horlogerie wider. Unabhängige und kleine Marken fördern zunehmend Transparenz und messbare Leistung, insbesondere im Luxussegment. Gleichzeitig sind Mainstream-Konsumenten durch digitale Tools und Vergleichsplattformen besser über Spezifikationen informiert.
Die Initiative der COSC ist daher nicht nur technisch, sondern auch reputativ: Sie bekräftigt die Relevanz unabhängiger Drittprüfungen in einer Branche, in der viele Marken auf ihre eigenen internen Protokolle vertrauen.
Mit über 1,8 Millionen jährlich ausgestellten Zertifikaten bleibt die COSC die weltweit am häufigsten genutzte Stelle für chronometrische Prüfungen. Die Mehrheit ihrer Zertifikate wird jedoch immer noch für ungehäuse Werke vergeben – hauptsächlich von Marken wie Rolex, Breitling, Tudor und TAG Heuer. Super-COSC könnte kleineren oder High-End-unabhängigen Häusern eine Möglichkeit bieten, die Relevanz und Zuverlässigkeit für Endverbraucher mit transparenter Drittanbieter-Validierung zu demonstrieren.
Ausblick: Was Super-COSC ändern könnte
Nach der Einführung im Jahr 2026 könnte Super-COSC die Art und Weise beeinflussen, wie Marken die Leistung kommunizieren. Die Marketingsprache, die sich ausschließlich auf statische Toleranzbereiche stützt, könnte sich hin zu validiertem Betriebsverhalten entwickeln, wie z. B. dauerhafter Genauigkeit in verschiedenen Umgebungen oder konsistenter Gangreserve bei aktiver Nutzung.
Sammler und Einzelhändler könnten gleichermaßen von einem nuancierteren Verständnis der Chronometrie profitieren – einem Verständnis, bei dem Uhren nicht nur in sterilen Labors, sondern auch unter den Bedingungen des modernen Lebens beurteilt werden.
Bei Erfolg könnte Super-COSC einen neuen Branchenmaßstab setzen: keinen Ersatz für ISO 3159, sondern eine evolutionäre Schicht – eine, die widerspiegelt, wie Uhren tatsächlich getragen werden, und nicht nur, wie sie auf der Prüfbank abschneiden.
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